Selbstständige Suche nach Wahrheit

Dem Menschenbild der Bahá’í zufolge sollten wir dank unseres Verstandes mündig und selbstbestimmt sein. Mit unseren vielfältigen Fähigkeiten geht auch Verantwortung einher, nicht nur tradierte Wertvorstellungen zu übernehmen, sondern

„mit eigenen Augen (zu) sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen (zu) erlangen, nicht durch die deines Nächsten.“

(Bahá’u’lláh, Verborgene Worte, arab., Nr.2)

Jeder Einzelne ist aufgerufen, die Wahrheit selbst zu suchen, deshalb gibt es in der Bahá’í-Religion keinen Klerus. Vielmehr ist jeder Mensch beständig ein Forschender und muss sich um Einsichten bemühen.

In Seiner mystischen Schrift „Die Sieben Täler“ beschreibt Bahá’u’lláh den Weg, den der Wanderer gehen muß, um

„von der irdischen Wohnung zur Göttlichen Heimat“ zu gelangen.

(Bahá’u’lláh, Die Sieben Täler, S.8)

Um sich dem Göttlichen anzunähern, muß der Sucher sein eigenes Ich, seine begrenzten Vorstellungen loslassen. Sein Herz muß von dieser Welt gelöst sein. In Bahá’u’lláhs Worten

„Er muss alles, was er gesehen, gehört und verstanden hat, in den Wind schlagen können, um in das Reich des Geistes zu kommen, das die Stadt Gottes ist. Ernste Bemühung ist nötig in unserem Suchen nach Ihm und heißer Eifer, damit wir den Honig der Vereinigung mit ihm zu kosten vermögen. Doch trinken wir aus diesem Kelch, so werden wir die Welt von uns werfen.“

(Bahá’u’lláh, Die Sieben Täler, S.12)

Unter dem Begriff „Stadt Gottes“ verstehen wir die religiösen Lehren des Gottesboten, das Wort Gottes, dass eine belebende und sinnstiftende Wirkung auf den Menschen entfalten kann.

Ähnlich wie ein Bergsteiger einen atemberaubenden Ausblick erst nach einem mühevollen und anstrengenden Aufstieg erleben kann, so wird der wahre Sucher für sein ernstes Streben und sehnsüchtiges Verlangen durch Erkenntnis und Gewissheit belohnt:

„…dann werden die Nebel der Zweifel und Ängste zerstreut und die Lichter der Erkenntnis und Gewissheit sein Wesen einhüllen. Zu dieser Stunde wird der mystische Herold, der die Freudenbotschaft des Geistes bringt, aus der Stadt Gottes strahlend wie der Morgen aufleuchten und durch den Posaunenstoß der Erkenntnis das Herz, die Seele und den Geist aus dem Schlummer der Nachlässigkeit erwecken. Dann werden die mannigfachen Gunstbeweise und Gnadenströme des Heiligen und Ewigen Geistes solch neues Leben dem Sucher verleihen, dass er sich mit einem neuen Auge, einem neuen Ohr, einem neuen Herzen und einem neuen Gemüte beschenkt sieht.“

(Bahá’u’lláh, Das Buch der Gewißheit, S. 133)

Da die Boten Gottes den Schöpfer in dieser Welt vertreten, galt die Suche nach Wahrheit zu aller Zeit Ihnen, durch die wir zu Gott gelangen und durch die der Mensch mit der Absicht Gottes vertraut wird. Sie haben unterschiedliche Bezeichnungen wie Sohn Gottes, Freund Gottes, Geist Gottes und durch sie wird das Wort Gottes offenbart, das in jeder Zeit eine neue Zivilisation schafft.

„Die Quelle aller Bildung ist die Erkenntnis Gottes, erhaben sei Seine Herrlichkeit! Diese Erkenntnis kann nur durch die Erkenntnis Seiner göttlichen Manifestation* erlangt werden.“

(Bahá’u’lláh, Botschaften aus ‚Akká, S. 182)

*Mit Manifestation Gottes ist ein Religionsstifter gemeint. In unserem Zeitalter beansprucht Bahá’ú’lláh, mit einer umfassenden Botschaft von Gott für die Menschheit von heute betraut worden zu sein. Hierauf zielt die bewusste und unbewusste Sehnsucht der Menschen von Heute nach Sinn und Orientierung.

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